BEYOND BOUNDARIES –
EINE INTERSEKTIONALE
PERSPEKTIVE AUF DEN
ÖFFENTLICHEN RAUM
Ort
Ursprünglich bestand der Nürnberger Süden aus diversen Ortskernen, die heute meist Namensgeber für die jeweiligen Bezirke sind. Früher als der Nürnberger Norden erlebte der Süden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit. Große Industriegebiete wie Siemens-Schuckert oder Cramer-Klett siedelten sich an und
sorgten für die Entwicklung von Wohn- und Geschäftsvierteln um die ehemaligen Dorfkerne herum. Das sorgte nicht nur für einen modernen, sondern auch einen durch Arbeiter*innen geprägten Süden. Im Zweiten Weltkrieg erlitt der Nürnberger Süden, so wie die ganze Stadt, große Erschütterungen. Trotzdem gehören knapp die Hälfte aller Wohnungen im Nürnberger Süden zu den traditionellen Altbaubeständen, die vor 1945 errichtet wurden. Vor dem Hintergrund dieser dynamischen Entwicklungen mischen sich Polyzentren mit einem heterogenen
Stadtbild. Entlang der in Ost-West-Ausrichtung laufenden Gleise ist die Dichte der Bezirke besonders spürbar, während im tieferen Süden mehr Grünflächen und gründerzeitliche Akzente die Straßen füllen.
Galgenhof, der 13. Statistische Bezirk im Weiteren Innenstadtgürtel Süd von Nürnberg grenzt an den Hauptbahnhof an. Benachbarte Bezirke sind im Norden Tafelhof, im Osten Glockenhof, im Süden Hummelstein und im Westen Steinbühl und Gugelstraße. Seinen Namen bekam der Bezirk aufgrund der Lage des Galgens in der Nähe des Nürnberger Frauentors und er wurde am 1. Oktober 1825 nach
Nürnberg eingemeindet. Das Bild Galgenhofs ist so heterogen wie der Rest: Die Bebauung reicht von gründerzeitlichen Bauten über Nachkriegsgeschosswohnungsbau bis hin zu wenigen Neubauten. Neben einem starken Rastersystem der Straßen bilden der Südstadtpark, der Annapark, der Nelson-Mandela-Platz, der Maffeiplatz und der Aufseßplatz die einzigen, größeren Platzsituationen. Das mag viel klingen, doch der Dichte des Bezirks wird das nicht gerecht.
Wir stehen nun in der Wölckernstraße. Sie liegt circa in der horizontalen Mitte von Galgenhof und hat eine leicht gedrehte Ost-West-Ausrichtung. Die Bebauung ist eine Mischung aus wenigen Altbaubeständen, viel Nachkriegsbebauung und einigen wenigen Gewerbebauten. Das Parkhaus des Musik Klier an der Ecke Wölckernstraße/Bulmannstraße ist das auffälligste Gebäude, da es in dieser Straße
sowohl gestalterisch als auch größentechnisch untypisch ist. Die Wölckernstraße ist in dieser Ausrichtung der Mittelteil von drei Hauptverkehrsstraßen, der im Westen mit der Landgrabenstraße beginnt und im Osten in die Schweiggerstraße übergeht. Sie sitzt eingeklammert zwischen den in Nord-Süd-Richtung verlaufenden
Pillenreuther Straße und der Allersberger Straße; zusammen ergeben diese Straßen ein Netz aus Hauptverkehrsstraßen, welche den Nürnberger Süden verkehrstechnisch prägen. Ein Grund dafür ist auch, dass die Ab- und Auffahrt auf den Frankenschnellweg, also die Autobahn A 73, in der Landgrabenstraße liegt.
Im Übergang von Landgrabenstraße in die Wölckernstraße liegt die Straßenbahnhaltestelle Aufseßplatz. Sie ist Teil eines Verkehrsknotenpunkts
zwischen Straßenbahnlinien, U-Bahn und der Kreuzung mit der Pillenreuther Straße. Hier angesiedelt ist ein Nahversorgungszentrum aus Supermärkten, Drogerien, Apotheken, Arzthäusern, Banken, Bäckereien und weiterem, kleinerem Gewerbe. Von dort aus verkehren zwei der vielen Straßenbahnlinien weiter auf
der Wölckernstraße, die mit den Haltestellen Hummelsteiner Weg, circa auf Hälfte der Straßenlänge gelegen, und Schweiggerstraße, wenige Meter vor der Kreuzung mit der Allersberger Straße gelegen, drei Stationen bilden. Die Straße ist für den Autoverkehr mindestens einspurig, bei Kreuzungen mit anderen Straßen wird sie meist dreispurig. Einen Fahrradweg gibt es nicht. Die Gehwege sind zwei
bis drei Meter breit und werden in den Kreuzungsbereichen für die Straßen unterbrochen. Sie werden viel genutzt – von gastronomischer Bestuhlung über das Abstellen von Fahrrädern bis hin zu der Warenauslegung des Einzelhandels. Anhand der gesamten Wölckernstraße lässt sich der synchronisierte Alltag der meisten Menschen ablesen: Morgens, mittags und abends ist sie zu den Hauptverkehrszeiten am meisten benutzt; am Wochenende gibt es ein reges Treiben, vor allem Besorgungen, Einkäufe und die Nutzung als Transitzone stehen
im Vordergrund. Die Wölckernstraße ist ein Spannungsfeld in sich und bildet ein weiteres Spannungsfeld mit der parallel verlaufenden Humboldtstraße: Hauptverkehrsstraße vs. Fahrradstraße; mobile Bäume vs. straßensäumende Altbaumbestände; Straßenschlucht vs. Freiräume; Einzelhandel vs. Cafés; Nachkriegsbau vs. Altbau; Parkplatz vs. Spielplatz. Die Wölckernstraße wirkt wie ein Manifest der autogerechten Stadt, wenngleich sie sich bereits verändert hat.

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